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Die Kunst der Grenzgänger sprengte bei weitem den Rahmen dessen, was man sonst so von Kulturfördervereinen geboten bekommt. Kleinkunst war das nicht mehr, das war schon größte Kunst.

Schleswig-Holsteinische Landeszeitung
Pressestimmen

Die Schiffe nach Amerika

Freitag, 13. Oktober 1995, in: Pressestimmen

Pressestimmen

Von einer Entdeckung soll hier die Rede sein: Das Duo "Grenzgänger" erhielt den diesjährigen Deutschen Folk-Förderpreis. Michael Zachcial und Jörg Fröse legen gleichzeitig mit dem Titel "Die Schiffe nach Amerika" eine ganz hervorragende CD vor.

Die beiden Sänger, Texter und Musiker nehmen den Hörer mit auf eine Zeitreise durch mehr als 200 Jahre Flüchtlingsgeschichte - mit alten Liedern von erstaunlicher Aktualität. Sowohl die Bearbeitung der Texte als auch die musikalische Darbietung ist hochintelligent, gekonnt, überzeugend.

Das fand auch die Jury, die dem Duo den Folk-Förderpreis verlieh. Ausdrücklich heißt es in der Begründung: Wer zu diesen Zeiten alte deutsche Auswandererlieder ausgräbt und sie in Relation zu aktuellen Zeitproblemen stellt, wer in diesem Zusammenhang von Fallersleben und Tucholsky bemüht und diesen vielstrapazierten Vorlagen neue Aspekte abgewinnt, verdient Respekt."

Der Titel der CD ist das Programm der Macher. Sie wollen daran erinnern, daß sechs Millionen Deutsche die Schiffe nach Amerika bestiegen, daß sie die Flucht ins Ungewisse dem Leben in Armut und Unterdrückung vorzogen. Und sie haben angesichts der grassierenden Ausländerfeindlichkeit, angesichts der Politik der "neuen Mauern" um unser Land, gute Gründe dazu.

"Heute", so sagen sie im Vorwort ihrer wirklich empfehlenswerten CD, "fahren die Schiffe nach Deutschland, und das "Deutsch-land, Deutschland über alles" wird wieder laut. Vergessen wird, daß Hoffmann von Fallersleben dieser Worte als Flüchtling schrieb, als Asylant. Noch immer gilt es, aus dem "bißchen wiedervereinigten Vaterland" eine ganze Heimat zu bauen. Diese Lieder können Bausteine dazu sein."

Dieses selbstgesteckte Ziel erreicht  "Grenzgänger" (Untertitel: Unbeschränkte Deutsche Volksmusik)... Manches erinnert an das nun schon legendäre Duo "Zupfgeigenhansel", aber unverkennbar haben die "Grenzgänger" ihre eigene, unverwechselbare Handschrift. Besonders gespannt war ich auf den oft von F. J. Degenhardt gehörten "Emigranten-Choral" aus der Feder von Walter Mehring. Michael Zachcial und Jörg Fröse bestanden diese "Prüfung" mit Bravour. Höhepunkte auf dieser CD sind das Arrangement von Tucholskys "Der Kompromiß", das "Hungerlied" von Georg Weerth, der schon erwähnte "Emigranten-Choral" und schließlich der Titelsong "Die Schiffe nach Deutschland", in dem es heißt:

"Schwere Fahrt, vor und zurück. Verdammtes Deutschland, Du läßt die Bräute weinen. Deutschland, du bittere Heimat. Keinem hast du zugelacht. Ich weiß nicht den Grund. Einige kommen nicht zurück."

 Michael Zachcial und Jörg Fröse wollen ihre CD als "Dokument gegen den Fremdenhaß" verstanden wissen. Wer jedoch ein tierisch ernstes Agit-Prop-Programm befürchtet, irrt. Es sind Lieder, die zum Nachdenken anregen, aber in dieser Form der Bearbeitung und Darbietung Spaß machen.

Ich wette: Von dem Duo "Grenz-gänger" wird man noch mehr hören!

Hubert Reichel, Unsere Zeit, Kultur, Freitag 13. Oktober 1995


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