 Musikalische Grenzgänger
Aukrug (mwu) Sie sind einfach schwer zu beschreiben. Sie singen mitreißende deutsche Volkslieder, aber der Musikantenstadl würde sie nie einladen. Ihr Name ist ihr Programm: "Grenzgänger" nennen sich Michael Zachcial und Jörg Fröse, und die beide balancieren gekonnt zwischen Folk und Volksmusik, Gassenhauer und Chanson. Wenn dann noch wie in diesem Fall eine gehörige Portion politisch-historischer Witz und die Freude am Geschichtenerzählen hinzukommen, ist der Abend perfekt.
Eingeladen hatte der Kulturförderverein der VHS Aukrug, und die "Grenzgänger" kamen, sangen und siegten. Das Duo aus Bremen hat im letzten Jahr den Folkförderpreis eingeheimst, ihre CD "Die Schiffe nach Amerika" bekam den Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik.
Aber so richtig genial sind die beiden zusammen auf der Bühne. Michael Zachcial singt, spielt Gitarre, Akkordeon und Mundharmonika, Jörg Fröse nimmt sich Mandoline, Geige, Concertina und seiner Stimme an, und gemeinsam erzählen sie Geschichten. Manchmal leise, manchmal etwas deftiger, aber immer mit einer leisen Spur Selbstironie und Witz begannen sie ihre Rundreise durch 200 Jahre mit den Werbern der Schiffahrtsgesellschaften, die über die Dörfer ziehen und den Menschen einen Traum verkaufen: die Karte für die Überfahrt nach Amerika.
Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Auswanderung durch das zweieinhalbstündige Programm, und nie benutzen die Grenzgänger einen erhobenen Zeigefinger, um Parallelen zwischen heute und damals bloßzustellen -das machen sie einfach geschickter, und ihre spitze Zunge verschont niemanden.
"Ach, in Deutschland werden die Volkslieder abgeheftet und archiviert, es könnte sie ja jemand singen", bemerkt Michael Zachcial schelmisch. Aber nicht nur ihre frech vorgetragenen Texte rissen das Publikum schon in den ersten fünf Minuten mit, es ist ihre Musik, die Füße wie von selbst zum Wippen bringt. Das besondere: die "Grenzgänger" verwenden fast nur fremde Texte: "Volkslieder gehören allen!" Dazwischen gibt es Anekdoten, die Michael mit lautem, Jörg mit leisen Bemerkungen spickt, ob das nun darum geht, daß viele "Bonanza" in den 70er Jahren für die amerikanische Nationalhymne hielten, oder darum, ob Grete nach der Wende im Osten einkaufen geht und ihr Tablett mitj. Essen im Selbstbedienugsrestaurant verwechselt und so mit einem Schwarzen teilt, besser er mit ihr.
Man kann es schwer beschreiben, man muß es gesehen und gehört haben. Die verblüffende Erkenntnis dieses Abends: Volksmusik muß ganz und gar nicht trocken, muffig und verstaubt sein, und mit dem Musikantenstadl haben die "Grenzgänger" nichts am Hut. Es gibt ihn doch, den deutschen "Folk"!
Kieler Nachrichten, 1996
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