 Die Grenzgänger und Frank Baier: Arbeiter-Folklore mit Geschichtsbewusstsein
Arbeiterlieder? Wer kommt denn heute plötzlich mit Arbeiterliedern an? und warum? Die Grenzgänger sind eigentlich nichs weiter Aufregendes: eine einigermaßen prominente Folk-Gruppe, die ihr Handwerk beherrscht, mit akustischen Instrumenten, landauf, landab eigene und überlieferte Lieder spielt und ab und zu eine CD aufnimmt. Folk-Leute sind, einem gängigen Vorurteil zufolge, immer etwas rückwärts gewandt und pflegen eine handgestrickte Ästhetik. So ganz lässt sich dieser Verdacht auch anhand der CD Lieder der Märzrevolution 1920 nicht von der Hand weisen. Wahrscheinlich würden die Grenzgänger ihren Blick nach rückwärts sogar selbstbewusst als Markenzeichen hervorheben wollen.
Allerdings muss man der Gerechtigkeit halber das seriöse historische Interesse betonen, mit dem die Grenzgänger diese CD produziert haben, und man muss daraufhinweisen, dass sie sich mit ihr in eine Traditionslinie stellen, die an vielen Orten der deutschen Bundesrepublik als nicht von dieser Welt und daher hoffnungslos anachronistisch gilt: in die einer lebendigen Arbeiterkultur. Wahrscheinlich gibt es Reste davon -hörbar, riechbar, spürbar - halbwegs großflächig nur noch im Ruhrgebiet. Und ansonsten in einigen unter dem vielfältigen Druck urbaner Entwicklungen langsam verschwindenden Teilen großer Städte.
Auch die historischen Erinnerungen dieser Lebenszusammenhänge verschwinden langsam, was merkwürdig ist, denn gemeinhin ist in unseren mitteleuropäischen Breiten die Geschichtsschreibung damit betraut, Erinnerungen zu bewahren. Im Falle der Märzrevolution von 1920 allerdings, die in den Wochen nach dem Kapp-Putsch die mitteldeutsche Region im heutigen Brandenburg / Sachsen-Anhalt / Thüringen und das Ruhrgebiet in Atem hielten, hat die Geschichtsschreibung sich eher vornehm zurückgehalten und nährt den zählebigen Affekt jeglicher proletarischer Subkultur gegen Bücherwissen. Die umfangreichste historische Darstellung der Phase, Erhard Lucas´ Geschichte der Märzrevolution, ist seit Jahren nur noch antiquarisch erhältlich.
Die Grenzgänger nun nähern sich den Zeugnissen der Zeit über eine recht umwegige Art von Oral-History-Zugang. In dessen Zentrum steht eine Begegnung mit dem ehemaligen Bergmann Johannes Leschinsky Anfang der achtziger Jahre. Leschinsky war damals schon ein Relikt der alten Zeiten, wusste Geschichten und Lieder aus der kurzen Leit, als die Rotgardisten an der Ruhr das Sagen hatten, zum Besten zu geben, was auf alten Aufnahmen mit bestechendem Kassettenrecorder-Charme dokumentiert ist. Frank Baier, Jahrgang 1943, und Michael Zachcial, Jahrgang 1963, haben sich erst im Jahre 2003 mit den alten Aufnahmen zu beschäftigen begonnen. Und so kam es zu dieser CD, die sich ganz und gar dem histori-schen Material widmet.
Historisches Material reichert sich im Laufe der Jahre wie von allein an. Die alten Geschichten aus den Zwanzigerjahren wurden aufgegriffen von der antiautiritären Bewegung Ende der Sechziger, so dass auf der CD auch zwei Stücke von Ralf Möbius alias Rio Reiser gelandet sind. Die Erfahrung, immer auf der Verliererseite zu stehen - dominanter Inhalts-Bestandteil zahlreicher alter Arbeiterlieder - verbindet sich wie von selbst mit den moralisch und viril laut tönenden Rap-Sprechgesängen von „Sons of Gastarbeita", und diese aktuelle Verbindung hat Michael Zachcial zu einem echten Märzrevolutions- Rap mit dem Titel "1920" angeregt, mit Beats und Binnenreimen. Die meisten anderen Stücke gehören in den Formenkreis des klassischen Arbeiterliedes, es gibt ein bisschen Agitation und Propaganda und marxistisches Gedankengut in Liedform, es gibt erzählerische Stücke, formale Rückgriffe auf Liedgut früherer revolutionärer Zeiten von Ferdinand von Freiligrath oder Erich Mühsam, und es gibt immer wieder Manifestationen einer pazifistischen, antiautoritären Grundhaltung.
Die ist es letztlich, der sich die Grenzgänger spürbar und hörbar am stärksten verbunden fühlen. Und damit ein bisschen mehr von dem historischen Kontext erkennbar wird als das, was unmittelbar in den Liedern steckt, wird die CD von einem ungewöhnlich umfangreichen und sorgfältig zusammengestellten Booklet begleitet, in dem über Geschichte nachgedacht wird und über die eigenartigen Wege, die eine Überlieferung nehmen kann, wenn sie nach Jahren des Verschwindens und Veraltens plötzlich einfach wieder auftaucht.
Davon erzählt kein dickes Buch, sagte der alte Arbeiterdichter Johannes Leschinsky und meinte die Märzrevolution im Ruhrgebiet. Die Grenzgänger und Frank Baier haben ihm mit ihrer von einem opulenten Booklet begleiteten CD „Lieder der Märzrevolution 1920" (Müller-Lüdenscheidt-Verlag, 17,90 Euro) ein Denkmal gesetzt
Hans-Jürgen Linke, 30.März 2006, Frankfurter Rundschau
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