 Seit 1979 hat Frank Baier aus Duisburg Geschichten über die Märzunruhen 1920 im Ruhrgebiet gesammelt und archiviert. Daraus ist eine viel beachtete CD entstanden.
VON ACHIM BERTENBURG UND GABRIELE KRAFFT NIEDERRHEIN Passagen einer Erinnerung: Ein alter Mann holt tief Atem – er hat den Staub (Staublunge, Staub-Einatmungskrankheit). Mit trotzdem kräftiger Stimme sagt er: „Und jetzt kommen wir auf den Kapp-Putsch. Ich war damals 17 Jahre, 1920, und ich hab‘ die ganze Zeit erlebt. Ich hab‘ die Lkw gesehen, die mit den Arbeitern nach Wesel runter fuhren. Und da waren auch verschiedene Frauen und Mädchen drauf. Das waren die Krankenschwestern, die mit an die Front gingen. Und ich hab‘ zugesehen. . .“ Dann singt Johannes „Hannek“ Leschinsky: „ . . . davon erzählt kein dickes Buch, was sich am Lippeschloss (in Wesel) zutrug. . .“
Eingegraben
Dieses bewegende Tondokument ist der 20. und vorletzte Titel auf der CD „Lieder der Märzrevolution 1920“. Frank Baier, in der Rheinpreussen- Siedlung in Duisburg- Homberg daheim, hat öfter bei Leschinskys in Oberhausen-Holten am Küchentisch gesessen und zugehört: „So was gräbt sich ein in deinem Gehirn, das macht was mit deiner Seele.“ Zusammen mit der Gruppe „Die Grenzgänger“ hat Baier, Jahrgang 1943, eine CD vorgelegt, die von Kapp-Putsch und Märzrevolution 1920 erzählt. Da beißt die Maus keinen Faden ab: Der authentische Vortrag des Zeitzeugen Leschinsky ist an Eindringlichkeit nicht zu übertreffen. Aber so „isser“ halt, der Frank Baier – er kommt noch mit dem „März-Rap 1920“ daher: „Und Du fragst, was das soll? März 1920 – die Revolution?“, rappt der Refrain herausfordernd, öffnet auch jungen Leuten die Ohren: „Wer die Geschichte nicht kennt und das Heute nicht sieht, hat keinen Plan – was morgen geschieht.“ Baier ist hier mit den HipHop-Rappern „Sons of Gastarbeita“ zu hören. Dadurch gewinnt der Song ein auflockerndes Element, das einen wichtigen Gegenpol zum ernsthaften Anliegen der CD bildet.
Michael Zachcial, Sänger von den „Grenzgängern“, konnte übrigens als Kind vom Küchenfenster auf das Hamborner Rathaus blicken. Die Rote Ruhrarmee, die in diesem Duisburger Stadtteil besonders stark war, hatte dort Anfang 1920 für einige Wochen Quartier bezogen. Angetreten, um die junge Weimarer Demokratie gegen den rechtsgerichteten Kapp-Putsch der Freikorps zu verteidigen, waren es im Ruhrgebiet, so ist im CD-Begleitheft zu lesen, „mit Sicherheit über 1000 Arbeiter, die dem Terror von Freikorps und Reichswehr zum Opfer fielen“. Einschusslöcher sind heute noch in Duisburg zu sehen. „Es wäre nicht schlecht für unser PISA geschütteltes Schulsystem, würde ‚1920‘ den oft drögen Geschichtsunterricht wenigstens etwas erhellen können“, befand das Deutschlandradio. Wir haben nachgefragt bei einem ehemaligen Geschichtslehrer, dem späteren Oberbürgermeister der Stadt Duisburg: Josef Krings. Dieser sagte: „Ich bin von CD und Begleitheft gleichermaßen beeindruckt. Hier ist ein Stück Geschichte aufgearbeitet, das wenig bekannt ist. Es geht ja nicht nur um den Kapp-Putsch, es geht um Menschenrechte und Menschenwürde.“ Das Thema sei hochaktuell und verdiene höchste Aufmerksamkeit.
Ausgezeichnet
Die hat das sorgfältig arrangierte Album, auf dem auch Stücke von Rio Reiser zu hören sind, fraglos erlangt: „Preis der deutschen Schallplattenkritik“. In der „Liederbestenliste“, ausgestrahlt auf Bayern 2, Belgischer Rundfunk, Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur, MDR, Figaro, RAI Bozen, Schweizer Radio DRS 1, SR2 Kulturradio und WDR 4, war der „März- Rap 1920“ lange vertreten, führte die Liste sogar zwei Monate als Spitzenreiter an. „Ich verspüre Freude und Glück darüber“, gesteht Frank Baier, der inzwischen an einem deutsch-türkischen Projekt arbeitet.
Rheinische Post, 4.Januar 2007
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