 Sing die Dialektik von Herr und Knecht: Frank Baier und die Grenzgänger erinnern an die revolutionären Märzstürme 1920
Die deutsche Novemberrevolution blieb unvollendet. Keine anderthalb Jahre später, am 13.März 1920, begann die Konteroffensive der reaktionären und ständestaatlichen Kräfte. Die bei Berlin stationierte Brigade Ehrhardt marschierte mit Stahlhelm und Hakenkreuz durch das Brandenburger Tor. Der Kapp-Putsch war ernst gemeint, aber noch recht dilettantisch ausgeführt. Er richtete sich vordergründig gegen die Annahme des Versailler Vertrags, den die Koalitionsregierung aus SPD, Zentrum, DDP durchgesetzt hatte. Die Regierung unter SPD-Kanzler Gustav Bauer floh Hals über Kopf ins schwäbische Stuttgart und rief die Bevölkerung dazu auf, »die Sache selber in die Hand« zu nehmen. Arbeitergruppen im ganzen Land bewaffneten sich und ergänzten den umfassend ausbrechenden Generalstreik. Nach fünf Tagen konnte die Regierung erfolgreich nach Berlin zurückkehren, doch der Gegenaufstand hatte schon eine über die Abwehr der rechtsradikalen Gefahr hinausweisende Eigendynamik entfaltet. Vor allem im Ruhrgebiet, dem industriellen Herz Deutschlands, hatte sich eine Rote Ruhr-Armee gebildet, die mehrere zehntausend bewaffnete Kämpfer zählte und einen konsequenteren Kurs gegen Kaisertreue und Anhänger der Profitwirtschaft forderte.
Der Arbeiteraufstand blieb jedoch isoliert und wurde mit dem Einmarsch der Regierungstruppen und Freikorps blutig niedergeschlagen. Die berüchtigten Freikorps hatten 1919 bereits den Berliner Spartakusaufstand und die Münchner Räterepublik niedergemetzelt und u. a. Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Gustav Landauer ermordet. Nun schickte der sozialdemokratische Reichswehrminister Noske seine Bluthunde gegen die Rote Ruhr-Armee. Über 1 000 Rotarmisten und Zivilisten wurden daraufhin massakriert – mit Methoden eines schwarzen Terrors, der bereits Ähnlichkeiten zu den Methoden der späteren Naziherrschaft aufwies.
Der in Blut ertränkte »Frühling im Revier« – »der einzige politische Generalstreik in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, der diesen Namen verdient« und »ein Markstein in der demokratischen Tradition Deutschlands«, wie ihn der Historiker Erhard Lucas nannte – wurde erst verleumdet und dann schnell der Vergessenheit anheim gegeben. Doch in den gesellschaftlichen Subkulturen, vor allem in der Subkultur der alten Arbeiterbewegung, lebte die Erinnerung an die Ereignisse weiter, in mündlich weiter getragenen Geschichten und in Volksgesängen. Erst nach dem symbol-magischem Jahr »1968«, in den 70er Jahren, nahmen sich politisch Engagierte, Historiker (v. a. Erhard Lucas) und Künstler (u. a. Ton Steine Scherben) dieses Themas wieder an und begannen, diesen tiefen Riß in der Geschichte aufzuarbeiten.
Die Bremer Band Grenzgänger, Preisträger der deutschen Schallplattenkritik, haben sich nun dieses Themas wieder angenommen und zusammen mit dem Ruhrgebietsoriginal Frank Baier eine CD produziert, die nicht nur durch viel Liebe und Sorgfalt besticht (das sehr schöne und informative Booklet hat 68 Seiten), sondern auch durch eine musikalische Vielfältigkeit, die man im Bereich des eher altbackenen Arbeiterliedgutes selten antrifft. Neben Liedern und Sprechgesängen, die direkt im Kontext der Roten Ruhr Armee und der damaligen Arbeiterviertel des Ruhrgebietes entstanden, finden sich ungewöhnliche Adaptionen der Internationale oder von Rio Reiser. Mittels einem gelungenen musikalischem Crossover werden die historischen Auseinandersetzungen zwischen Herr und Knecht ebenso aufzeigt wie deren Aktualität: Beeindruckend die Vertonung eines ergreifenden Gedichtes von Ferdinand Freiligrath aus dem Revolutionsjahre 1948. Überaus erfrischend sind gerade jene alten Lieder, die nun als Rap daherkommen und keine Spur von Kitsch oder bemühter Langeweile aufweisen.
Christoph Jünke, Junge Welt, 27.03.2006 / Feuilleton / Seite 12
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