 Auf dieser CD der Bremer Folkgruppe „Grenzgänger" haben Michael Zachcial und Jörg Fröse 17 Lieder zusammengestellt, die erste Eindrücke von einer bisher weitgehend unbeachteten, ja in Vergessenheit geratenen Liedgruppe vermitteln. Dabei ging es den beiden engagierten Musikern auch darum, in Erinnerung zu rufen, dass Deutschland, eines der Länder, die im Verlauf ihrer Geschichte unzählige Auswanderer produziert haben, eine ganz besondere Bringschuld zukommt, wenn es um die Aufnahme von Menschen geht, die Zuflucht und gastfreundliche Aufnahme suchen. Zachcial und Fröse riefen im Sommer 1994 ihre Kollegen aus der Bremer Musikszene zur Teilnahme an einer Revue „Damals wir - heute ihr" auf, die im Dezember des gleichen Jahres mit Teilnehmern aus Frankreich, Chile, der Türkei, Indien und Zaire über die Bühne ging und in der die Mitwirkenden mit Aus- bzw. Einwandererliedem aus ihrer jeweiligen Heimat auf ihre Situation hinwiesen.
So stammt das letzte Lied der CD - „Almanya gemileri" („Die Schiffe nach Deutschland") - aus der Türkei, dem Land, das die größte aktuelle Einwanderergruppe in Deutschland stellt, zumal eine Gruppe, die am meisten unter Res-sentiments und offenen Anfeindungen zu leiden hat. Die deutschstämmigen Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sind mit einem histori-schen Auswandererlied („Wer will mit uns nach Russland ziehen") vertreten. Uli Simon, Nachfahre deutscher Einwanderer nach Chile, die 1973 nach dem Pinochet-Putsch und Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Allende auf der Flucht vor Verfolgung nach Deutschland zurückkehrten, verwendet einen Text von Hoffmann von Fallersleben („In dem Tal der Guadelupe"), der sich ebenfalls zeitweise mit Auswanderungsplänen nach Amerika trug, dem Land, das seinerzeit für viele deutsche Untertanen eine konkrete Hoffnung und einen Hort der Freiheit bedeutete.
Mit den Hoffnungen potentieller Auswanderer beschäftigt sich auch das anonym verfasste „Neue Auswandererlied". Andere Lieder auf dieser CD, so Hoffmanns „Meinen Tobak bau ich mir", „Raus, raus, raus und raus", der „Deutsche Nationalreichtum" sowie „Hier am Mississippi", set-zen sich kritisch mit den misslichen Verhältnissen im vormärzlichen Deutsch-land auseinander, die bei vielen Menschen den brennenden Wunsch zur Emigra-tion hervorriefen. Einen weiteren prominenten 1848er, der dann auch tatsächlich nach Amerika emigrierte, lassen die „Grenzgänger" in dem Lied „Beamtenwillkür trieb mich fort" zu Wort kommen: den Volkshelden Friedrich Hecker, des-sen führende Rolle während der badischen Aufstände des Jahres 1848 seinerzeit ebenfalls in vielen Liedern thematisiert wurde.
Hecker diente später während des US-amerikanischen Bürgerkriegs der Jahre 1861 bis 1865 als treuer Ge-folgsmann des Präsidenten Abraham Lincoln auf der Seite der Unionstruppen Hecker führt in dem ihm zugeschriebenen Lied, das er auf die Melodie des im deutschen Südwesten weit verbreiteten Liedes „Bertrands Abschied" verfasste, die Gründe an, die ihn zur Auswanderung bewogen: die Beamtenwillkür und die nach den Befreiungskriegen fortbestehende Adelsherrschaft in Deutschland. Seine Flucht war keine freie Entscheidung, ein Verbleiben in Deutschland hätte ihm wohl mindestens eine jahrelange Haftstrafe, aller Wahrscheinlichkeit nach aber sogar Schlimmeres eingetragen. -
Mit Walter Mehring und Kurt Tucholsky kommen sodann zwei Verfolgte der NS-Zeit zu Wort: Mehring mit dem „Emi-granten-Choral" in der Vertonung von Franz Josef Degenhardt, Tucholsky mit „Der Kompromiß" in der Vertonung von Hanns Eisler. - Mit Regine Brunke (Violoncello), Ralf Siebenand (Piano, Alt- und Sopran-Saxophon), Uli Simon (Gesang, Gitarre), Angelika Hofner (Bratsche), Aline Barthelemy (Gesang, Gi-tarre), Kristiane Ackermann (Akkordeon), Andreas Lieberg und Stefan Uhlig (Gitarre), Can Tufan (Gesang, Congas) sowie dem Bremer Solidaritätschor wurden zahlreiche Musiker in diese interessante Themen-CD eingebunden, die den „Grenzgängern" den Deutschen Folk-Förderpreis von 1995 einbrachte.
Uli Otto, in Jahrbuch für Volksliedforschung
|