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Mag es am Anfang noch ein paar Skeptiker im Publikum gegeben haben. Zum Schluss waren alle überwältigt und bedankten sich stehend mit minutenlangem Beifall.

Die Rheinpfalz
Pressestimmen

Jahrbuch für Volksliedforschung

Donnerstag, 10. April 2003, in: Pressestimmen

Pressestimmen

Grenzgänger: Knüppel aus dem Sack. Die garstigen Lieder des Heinrich Hoffmann von Fallersleben.

Mit „Knüppel aus dem Sack" haben die „Grenzgänger" ihre zweite CD betitelt. Sie widmet sich den „garstigen Gesängen", die August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1837 verfasste und mit denen der streitbare Sprach- und Literatur-wissenschaftler an der Universität Breslau auf den obrigkeitlichen Druck der 1830er Jahre reagierte. Die „Unpolitischen Lieder", eine Sammlung höchst ak-tueller politischer Lieder und Gedichte Hoffmanns - darunter „Knüppel aus dem Sack" -, die Kritik an den damaligen Zuständen äußerten, wurden wenige Jahre später von der preußischen Regierung zum Anlass genommen, gegen deren Ver-fasser vorzugehen und ihn 1842 seines Lehramtes an der Breslauer Universität zu entheben. Eine Pension w^urde ihm verweigert, seine Publikationen wurden verboten. Nunmehr begannen sechs Jahre eines unruhigen Wanderlebens, in de-nen sich der unbequeme Liedermacher ständig behördlichen Repressalien ausge-setzt und von Ausweisung bedroht sah, bis er sich 1860 als Bibliothekar des Herzogs von Ratibor in Corvey an der Weser niederlassen konnte, wo er am 20. Januar 1874 verstarb.

Hoffmann von Fallersleben war - zumindest quantitativ - wohl der produktivste Dichter und Liedermacher der Jahre zwischen 1840 bis 1848. Manche seiner politischen Lieder - obgleich wegen ihres tagespolitischen Charakters schon bald in Vergessenheit geraten, wozu allerdings nach der gescheiterten Revolu-tion auch die Zensur ihr Teil beigetragen haben dürfte -, waren bei vielen Zeitgenossen populär und bisweilen sogar regelrechte „Bestseller". Bis Ende 1842 erlebte der l. Teil der „Unpolitischen Lieder" zwei, der 2. Teil drei Auflagen, wurden von beiden Teilen insgesamt über 20.000 Exemplare gedruckt. 1844 er-schien eine Übersetzung der „Unpolitischen Lieder" ins Schwedische, im selben Jahr wurden Proben einer englischen Übertragung veröffentlicht. Gerade auch die Ambivalenz Hoffmanns, die seine spätere Indienstnahme durch die ver-schiedensten politischen Richtungen und Parteien ermöglichte, macht ihn gleichwohl zu einer der interessantesten Dichterpersönlichkeiten seiner Epoche.

Die Folkgruppe „Grenzgänger" (Michael Zachcial, Jörg Fröse und Friedemann Barteis) hat für diese CD verschiedene Liedsammlungen Hoffmanns von Fallersleben aus den 1840er Jahren und wohl auch seinen Nachlass herangezogen. Sie wollte den liberalen und widerständigen Hoffmann wieder ins Bewusstsein rufen - die Seite des streitbaren Professors und Berufsverbotsopfers der 1840er Jahre, die jedem älteren engagierten Deutschfolk-Fan, der das „Revival" der 1970er / 1980er Jahre bewusst miterlebt hat, noch gewärtig sein dürfte, nicht jedoch der jüngeren Generation von Liedrezipienten.

Das „Lied der Deutschen" - hier in der „Fassung" der Politiker Helmut Kohl, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher, Walter Momper und Jürgen Wohlrabe anlässlich der Großkundgebung zur deutschen Einheit am 10. November 1989 in West-Berlin - eröffnet die vorliegende Liedzusammenstellung. An sie schließt sich unmittelbar Hoffmanns programmatische Forderung „Ein neues Lied (aus meiner Zeit)" an, die dem Goethe-Zitat aus Faust I „Ein garstig Lied! Pfui ein politisch Lied! Ein leidig Lied!" Paroli bietet. Es folgt sodann „Der Regierungs-rat", eine Abrechnung mit dem pflichtbewussten, obrigkeitshörigen deutschen Beamten, der in seiner Untertanentreue alles um sich herum vergisst und folge-richtig über seinen Aktenbergen aus dem Leben scheidet.
Ein thematischer Schwerpunkt der CD liegt auf den sogenannten „Michel-Liedern", die sich kritisch mit dem deutschen Bürgertum auseinandersetzen:

„Das erwachte Bewusstsein", „Sum ergo cogito (Ich bin, also denke ich)", „Der deutsche Philister", „Michels Abendlied", „Vetter Michels Vaterland". Der streitbare Dichter, obwohl selber dem Bürgerstand zugehörig und in mancher Hinsicht ein Prototyp desselben, rieb sich immer wieder an den Stammtischphilistern, Wirtshauskritikastem und Theoretisierern und kritisierte sie aufs schärfste, wobei eigene bittere Erfahrungen und Enttäuschungen eine wichtige Rolle spielten. Das Lied „Schleppt den Frühling in den Kerker" kritisiert die zeitgenössische „Demagogenverfolgung", unter der Hoffmann selbst als eines der prominentesten Opfer seiner Zeit litt. „Hier am Mississippi" aus der 1846 veröffentlichten Sammlung „Texanische Lieder" prangert vormärzliche Miss stände aus der Sicht eines deutschen Emigranten, der diesen Zuständen bereits entflohen ist, an: die Klassengesellschaft, Kleinstaaterei, Polizeischikanen, Zen-sur, Beamtenherrschaft, Ordens- und Titelsucht. Als Verlagsort dieser Samm-lung wurde San Felipe de Austin in Texas angegeben, und die Lieder stammen angeblich von deutschen Emigranten. Tatsächlich jedoch war Hoffmann von Fallersleben der Verfasser, der diese Lieder auch nicht im amerikanischen Exil, sondern in Deutschland zu Papier brachte. - Als einen würdigen Gegenpol zur Nationalhymne haben die „Grenzgänger" die „Kinderhymne" von Bertolt Brecht und Hanns Eisler mit auf die CD genommen, ebenso Hoffmanns „Lied vom schweren Anfang", in dem er mit den Worten „Das ist nun mal der Lauf, in Deutschland fängt man niemals an, in Deutschland hört man auf zu einer pes-simistischen und negativen Wertung der Lernfähigkeit seiner Zeitgenossen kommt.

Insgesamt ist diese Veröffentlichung sehr gut gelungen. Michael Zachcial (Gitarre, Akkordeon, Bass, Percussion), aus dessen Feder auch die meisten Neuver-tonungen der Hoffmannschen Lieder sowie die Arrangements stammen, Jörg Fröse (Mandoline, Cister, Geige, Concertina, 5-String-Banjo) und Friedemann Bartels (Schlagzeug) sind vorzügliche Instrumentalisten, die dem historischen Liedrepertoire eine unverwechselbare Frische und Dynamik verleihen und dabei zu einem eigenen Stil finden. Sie bedienen sich auch unverkrampft und unorthodox modemer Gesangstechniken sowie der verschiedensten musikalischen Stil-richtungen verschiedener Länder. Man könnte in den „Grenzgängern" einen würdigen Nachfolger des unvergessenen Folk-Duos „Zupfgeigenhansel" sehen, das in den 1970er Jahren Furore machte.

Probleme hat der Rezensent mit einem der durch Zachcial eingestreuten Zitate aus der deutschen Geschichte, das er mit dem „dazugehörigen" Liedtext weder in eine thematische noch inhaltliche Verbindung zu bringen vermochte: Was hat der im Booklet zitierte Vortrag des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels zur Eröffnung der Reichsmusiktage 1939 mit Hoffmann von Fallerslebens „Sum ergo cogito" zu tun, einem Text, in welchem es um die Vorliebe der Deutschen für das Theoretisieren und ihre Unfähigkeit, theoretische Überlegungen in die -auch politische - Praxis einzubringen, geht? Ansonsten beweisen andere den einzelnen Liedern vorangestellte Zitate oftmals die erschreckende Aktualität vieler Hoffmannscher Texte bis in unsere Gegenwart.

Noch ein Wort zu den Vertonungen und Arrangements: In ihnen zeigen sich zweifellos Stärken der Gruppe - zugleich jedoch eine gewisse Schwäche, drohen die Texte doch von den ausgeklügelten Arrangements bisweilen „über-deckt" zu werden. Im Dienst einer besseren Textverständlichkeit und des politi-schen Anliegens der Gruppe wäre es besser gewesen, wenn sich die Musiker hier und da ein wenig zurückgenommen hätten, wenn sie die Arrangements einfacher und transparenter gestaltet hätten, ohne deshalb auf Spielfreude und Vir-tuosität zu verzichten. Diese leise Kritik soll die Qualität der besprochenen CD keineswegs schmalem. Man darf auf zukünftige Programme und Veröffentli-chungen der „Grenzgänger", die frischen Wind in die deutsche Folkszene gebracht haben und eine Bereicherung für sie darstellen, durchaus gespannt sein.

Uli Otto, in Jahrbuch für Volksliedforschung    


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