 "Grenzgänger" in der Lutherkirche
Die Mehrheit kennt ihn einzig als Verfasser der Nationalhymne. Dass Hoffmann von Fallersleben jedoch mitnichten tumber Patriot, sondern verfolgter kritischer Geist war, das brachten die Bremer "Grenzgänger" mit seinen "garstigen Gesängen" zu Gehör. Eine Veranstaltungsreihe zum Tag der deutschen Einheit will die Geschichtswerkstatt Oberhausen im Verband mit dem evangelischen Jugendreferat etablieren. Ziel: Unterhaltsame Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und Gegenwart. Im letzten Jahr geschah dies erfolgreich mit "Unter Geiern" der "GmbH und Chor KG". Zur zweiten Auflage der (noch namenlosen) Reihe präsentierte man in der Lutherkirche nicht ohne Stolz die mit Preisen reich dekorierte Folklore-Gruppe "Die Grenzgänger" mit ihrem Programm "Knüppel aus dem Sack".
Wahre Exoten sind die Bremer unter den deutschen Folkern, da sie sich anstatt etwa um irisches, um altes deutsches Liedgut bemühen - politisches dazu. So stießen sie auf Hoffmann von Fallersleben, der im 19. Jahrhundert nicht nur das "Deutschlandlied" dichtete, sondern sich mit ätzender Kritik zum preußischen Staatsfeind machte. Die Band um Sänger und Gitarrist Michael Zachcial – übrigens gebürtiger Duisburger - nahm sich seiner sarkastischen wie satirischen Texte an, erweckte sie zu neuem Leben. Das Resultat war ein Konzert, so unterhaltsam wie lehrreich: Neben variationsreichem Folk gab es manches zu lernen über das krisenreiche 19. Jahrhundert, in dem ganze sechs Millionen Deutsche das Land Richtung USA verließen.
Dass so ein Blick zurück durchaus auch Bezüge zur Gegenwart offenbaren kann, bewies Zachcial mit Zitaten aus der Wahlrede eines amerikanischen Kongressabgeordneten jener Zeit. Dessen Hetze gegen massenhaft "einsickernde" Immigranten, die sich nicht anpassen wollen, klang vertraut. Allein, gemeint waren seinerzeit die Deutschen.
Stefan Moutty, WAZ - 04.10.2003 / OBERHAUSEN
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