 Die neue CD der "Grenzgänger" behandelt das Jahr 1920 und wurde gerade mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet
BREMEN. Man hätte es fast schon ahnen können, dass die Bremer Polit-Folkband "Grenzgänger" auch für ihre dritte Veröffentlichung gleich wieder den renommierten Preis der deutschen Schallplattenkritik erhalten würde, wie es jetzt geschehen ist. Schließlich hat das Trio auch mit seinen beiden Vorgängeralben, dem Emigrantenliedern gewidmeten Album "Die Schiffe nach Amerika" sowie dem Hoffmann von Fallersleben-Portrait "Knüppel aus dem Sack" jeweils diesen angesehene Preis erhalten.Das neue, frisch ausgezeichnete Album der "Grenzgänger" trägt den schlichten Titel "1920" mit dem erklärenden Untertitel "Lieder der Märzrevolution", ist bei dem Bremer Verlag Müller-Lüdenscheidt erschienen (im Vertrieb von Conträr/Indigo).
Es behandelt die zwar in akribischen Geschichtsbüchern zu findende, aber ansonsten weitgehend vergessene Märzrevolution aus dem Jahr 1920. Dieser Aufstand fand vor allen Dingen im Ruhrgebiet statt und war als Reaktion auf den kurzlebigen reaktionären Kapp-Putsch in Berlin zu verstehen, der mit einem Generalstreik der Arbeiterschaft beantwortet wurde. Besonders im Ruhrgebiet entwickelten sich darüber hinaus Konflikte zwischen dem Militär und der aufgebrachten Arbeiterschaft. Die führte schließlich zur Bildung der so genannten "Roten Ruhrarmee", deren Aktivitäten bald durch die von der Politik zur Hilfe gerufenen Reichswehr und die berüchtigten Freikorps blutig niedergeschlagen wurden. Von dieser Märzrevolution sind allerhand Bilder und Dokumente erhalten geblieben, vor allen Dingen aber eine Reihe von literarischen Dokumenten, Liedern und umgedichteten Spottversen.
Lieder und Poeme haben die drei "Grenzgänger" Michael Zachcial (Gesang, Gitarren, Akkordeon), Jörg Fröse (Gesang, Banjo Mandoline, Geige, Cister) und Arne Wagner (E- und Kontrabass) natürlich besonders interessiert. Dem in Bremen lebenden Michael Zachcial, der in Duisburg geboren wurde und aufgewachsen ist, sind vage Erinnerungen dieser Märzrevolution seit seiner Jugend vertraut, und sie haben ihn zu einer intensiven Forschung auf diesem Gebiet veranlasst. Er traf dabei auf noch lebende Zeitzeugen und erforschte Archive. Schließlich haben sich Zachcial und seine "Grenzgänger" für ihr Album über das Jahr 1920 mit dem Essener Sänger Frank Baier zusammengetan, einem Ruhrgebietsoriginal, der mit Skiffle anfing, bevor er mit "Quetsche" und Ukulele zum politischen Lied und seiner Erforschung kam. Auf diese Weise ist "1920 - Lieder der Märzrevolution" auch der originale Zungenschlag garantiert, denn Baier singt unüberhörbar im Jargon des "Potts".
Ein solches Projekt, das der historischen Aufarbeitung gewidmet ist, könnte ein wenig trocken und arg didaktisch werden. Aber die "Grenzgänger" haben schon mit den beiden früheren CDs bewiesen, wie frisch und frech sich mit Geschichte umgehen lässt, denn sie fassen die überlieferten politischen Lieder nicht als sakrosankt auf, bearbeiten sie vielmehr mit allerhand Mut zum Risiko. Mal ist es ein Rap, mal swingt ein politisches Statement frech, so dass die alten Texte (die meisten von unbekannten Arbeiterdichtern, aber auch solche von Erich Mühsam, Ferdinand Freiligrath und Rio Reiser!) neu und sehr aktuell klingen. Neben den zahlreichen Songs finden sich auf der CD, die im Übrigen in einem Schuber mitsamt einem dicken Booklet, das die Liedtexte, zahlreiche Fotos und Hintergrundmaterial enthält, geliefert wird, einige eingestreute O-Töne und Montagen. Ein überaus gelungenes Album - in dieser Form macht Geschichtsunterricht richtig Spaß!
Christian Emigholz - Weser-Kurier, 1.6.2006
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