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Knüppel aus dem Sack auf das deutsche Spießertum

Mittwoch, 11. Oktober 2000, in: Pressestimmen

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Kabarett-Trio ließ Fallerslebens zynische Adern anschwellen

Hagen. „Ich schaffe Freiheit, Recht und Ruh, und frohes Leben noch dazu – Oh, Märchen, würdest Du doch wahr, nur einen einzigen Tag im Jahr Knüppel aus dem Sack!“ Das dreiköpfige Bremer Folk-Kabarett „Grenzgänger“ befreite am Sonntagabend in der Burg zu Hagen – nach fast zweihundert Jahren – Fallerslebens „Knüppel aus dem Sack“ und ließ ihn auf Polizeistaat, Fürsten und König, gegen Spießer und Spitzel sowie den deutschen Beamten des 19. Jahrhunderts im Rhythmus von Lambada und Tango nieder gehen.

August Heinrich Hoffmann alias Fallersleben, wie er sich nach seinem Geburtsort nannte, war Volksliedforscher, Verfasser von Kinderliedern und deutscher Revolutionär. Das „Lied der Deutschen“ in seiner ganzen dreistrophigen Breite, heute die Nationalhymne, stammt aus seiner Feder, aber auch das Buch  „Unpolitische Lieder“, in dem er gegen Staat, Zensur, Obrigkeitsdenken und den Adel mit Ironie und Spott zu Felde zieht. Daraufhin verliert er 1842 seine Professur in Breslau, wird zensiert und darf nichts mehr veröffentlichen. Während Heinrich Heines politischen Pamphlete auch heute noch ein Begriff sind, ist Fallerslebens Werk in Vergessenheit geraten.

Die „Grenzgänger“ Michael Zachcial (Gesang, Gitarre), Friedemann Bartels (Schlagzeug, Gesang) und Jörg Fröse (Mandoline, Concertina, Geige, Banjo) widmen sich seit 1992 einer ganz eigenen Wiederbelebung der deutschen Geschichte und der demokratischen Tradition. Sie graben die garstigen Gesänge Heinrich Hoffmann von Fallersleben aus, rezitieren und singen seine Verse und Lieder in ihrem Folk-Kabarett „Knüppel aus dem Sack“. Irgendwie kommt einem das alles gar nicht so alt, so vorindustriell vor, z. B. ist da die Rede von dem Regierungsrat, einem Original des preußischen Beamtentums. Er lebt und stirbt für den Bericht, diese Pflichtbeflissenheit und überkorrekte Haltung wird mit einem publikumsstarken Hoo, Schallalala Wahoo für den deutschen Beamten gewürdigt und von einem zynischen Mandolinentremmolo geehrt. Hier verschwimmt die Grenze zwischen Rezitat und Gegenwartskritik.

Es sind nicht immer die „Großen“, die dem Spott Fallerslebens zum Opfer fallen, es sind auch die „deutsche Kriecherei“ und die „Philister“, die Fallersleben seinerzeit die Zornesadern schwellen ließen. Auch hier bewegen sich die „Grenzgänger“ sehr grenznah zu unserem Hier und Jetzt. Denn die Streitereien am Maschendrahtzaun, Opportunismus nach dem Motto „wenn’s bloß ist’s nicht gefährlich“, aber auch die weitverbreitete Wegguck-Mentalität gehören zu den Assoziationen der Gegenwart, die die Texte Fallerslebens wecken. Die „Grenzgänger“ tun das Ihrige mit Zäsuren und Akzentuierungen im Gesang und mittels oberwitzigen Banjo- und Mandolinenklängen, um Parallelen zur Gegenwart vor dem geistigen Auge des Publikums Raum zu geben.

Der Heimatverein Burg zu Hagen im Bremischen e.V. hatte die Kabarettisten eingeladen und ihrem Programm zur Lage der Nation eine fürstliche Kulisse unter von deutschen Eichen getragenem Gebälk gegeben. Die Konfrontation mit dem deutschen Kulturgut von gestern und heute ist bisweilen unbequem, aber mit den schmissigen Rhythmen und Melodien des Trios durchaus zu verkraften. Und so lacht der deutsche Staatsbürger über sich selbst, wenn die Melodie von „Jäger aus Kurpfalz“ im Tangorhythmus erklingt und das Lied „Das erwachte Bewußtsein“ den pflichtbewußten Staatsbürger der neuen Demokratie von einst verspottet.

Monika Kindel, Weser-Kurier, 11. Oktober 2000 

    

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