 Musikalische Geschichtstunde
Lilienthal (fol). "Jammervolle Gestalten sieht man auf dem Weg nach Straßburg. Der Konvoi aus Menschen, die im Vertrauen auf verlogene Versprechungen hin den Atlantik überqueren wollen, gleicht eher einem Heer, das gerade vom Schlachtfeld kommt." So beschrieb eine schottische Zeitung des vergangenen Jahrhunderts in Edinburgh die Ströme der Millionen von europäischen Auswanderern, die ihre Träume im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten", in Amerika, zu verwirklichen suchten. Mit solchen Zeitzeugnissen aus Liedern, Gedichten und Tagebuchaufzeichnungen untermalte die Gruppe "Grenzgänger" ihre Musik im Lilienthaler Rathaus. Unter dem Titel "Die ganze Heimat und das bißchen Vaterland" spielten die Saitenkünstler Lieder von Auswanderern aus Deutschland und Einwanderern nach Deutschland. In wechselnder Besetzung lieferten Jörg, Hardy, Klaus und Michael (genannt Zachze) eine spannende Geschichtsstunde über die Wanderungsbewegungen des vergangenen Jahrhunderts. Aber nicht nur um Deutsche ging es. Die Lieder handelten auch von Türken, Griechen, Italienern und anderen Menschen. Der Bogen spannte sich bis zur aktuellen deutsch-deutschen Gegenwart.
Etwa 80 vorwiegend deutsche Zuhörer waren zu dem Konzert erschienen, das im Rahmen des Multi-Kultur-Festes der Initiative für Ausländerfreundlichkeit stattfand.
Mit der eingangs erwähnten Zeitungsnotiz startet die Dokumentation der Reise von deutschen Auswanderern nach Amerika. Sorgen und Nöte in der Heimat, die die Gründe für die Loslösung darstellen, werden durch Ge dichte und Briefe erklärt. Zu den Klängen von Kontrabaß, Mandoline, Gitarre und Banjo führen die Songs zu den nächsten Stationen. Anschaulich beschreibt ein zeitgenössischer Bericht die Enge des Zwischendecks der Schiffe, auf denen die Menschen während der wochenlangen Überfahrt eingepfercht waren. Ihr ganzes Hab und Gut wurden die Menschen zumeist los, um sich den Fahrschein ins vermeintliche Glück zu beschaffen. "Gelbe Erbsen, weiße Bohnen, angebrannter Speck — dazu Flöhe, Flöhe, Flöhe . . ., umschreibt ein Reisetagebuch das Elend der Alltagsszenen auf dem Schiff. "Wie aus einem holländischen Käse die Maden, kriechen jetzt aus dem Zwischendeck die Menschen, springen auf dem Deck herum und schreien: Land!", heißt es weiter in der Schilderung der bevorstehenden Ankunft im gelobten Land. Doch folgte schnell die Ernüchterung. Die Euphone wich dem Entsetzen: "Silbergeld kennt man nur dem Namen nach; Zehntausende Handwerker laufen ohne Arbeit herum." Standen die Deutschen in der "Neuen Welt" nicht gut in Kredit, rangierten die Iren ganz unten in der Beliebtheitsskala des anderen Kontinents. So waren es vor allem "Irishmen", die in mühevoller Arbeit die amerikanische Eisenbahn errichteten. Der Song "Paddy works on the railway" berichtet von einem dieser Schicksale.
Vieles an der Situation der Auswanderer ist vergleichbar mit der von Immigranten und Asylsuchenden heute. Die "Grenzgänger" zeigen eine Fülle von Parallelen auf: Auch damals waren schon wirtschaftliche oft die wahren Fluchtgründe. Das Entkommen aus der Armut stand damals wie heute im Vordergrund.
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