 Konzert in Delmenhorst
Am 25. Januar 1992 spielten wir mit den Grenzgängern in der Kerem Kultur Kneipe in Delmenhorst - Mir ist ein toller Abend in Erinnerung mit einem rasanten Orange-Blossom-Special von Jörg...
Delmenhorst. Da singt eine vierköpfige Gruppe vom Schicksal ausgerechnet deutscher Auswanderer, die den Glücksversprechungen in eine neue Welt gefolgt waren: Auf nach Amerika. Mitten in das aufkommende Mitleid mischt sich gerade rechtzeitig der Vergleich mit der Situation heute:
Lediglich Zeit und Ort haben sich verändert. Deutschland ist zum Einwandererland geworden und wer hier auf einen Neuanfang hofft, stößt oft auf die gleichen Probleme, die es für deutsche Einwanderer vor 150 Jahren in den USA gegeben hat.
Die Bremer "Grenzgänger" gaben in der Kerem Kulturkneipe eine anschauliche Ge-schichtsstunde mit Liedern, Tagebüchern und Dokumenten der deutschen Auswandererwelle. In einer Art Zeilreise stellten sie einen fast nahtlosen Übergang zur heutigen Situation her. Ein Programm, das mit frohen Liedern hoffnungsvoll aulbrechender Deutscher begann und zum Schluß nicht einmal vor "zwei kleinen Italienern" zurückschreckte. Dazwischen Tagebuchnotizen von Bord der Bark von Bremerhaven nach New York, in denen beklemmende Enge, Krankheiten und trotz allem Feste beschrieben wurden. Michael Zachcial, Rumpf einer wechselnden Grenzgänger-Besetzung, ist diesen Dokumenten seit Jahren auf der Spur.
Daß sie ausgerechnet im Kolumbus-Jahr 1992 auf die Delmenhorster Bühne kommen, ist ein glücklicher Zufall, aber keine Absicht. Das Material hat sich Zachcial, genannt "Zachze", aus vielen Liederbüchern, vor allem aber aus dem Deutschen Volkslied-Archiv in Freiburg gesucht. Mit Kontrabaß und Gitarre, Geige, Mandolme, Akkordeon und Mundharmonika verstehen sich die Bremer auch musikalisch als Grenzgänger. Sie vermögen den Instrumenten ebenso orientalische wie auch irische oder Country-Klänge zu entlocken. Zu erwähnen sei besonders Reinhard Rohrs, der den Kontrabaß zu zupfen, streichen, schlagen, tragen und prügeln verstand.
Um die zu Beginn viel zu wenigen Zuschauer m eine Szenerie wie vor hundert Jahren zu tauchen, versprechen Zachze und Co zunächst einen Fahrschein auf einen "neuen Planeten ohne Steuern und ohne Stau". Im folgenden erst Verheißungen auf die neue Welt:
"In Deutschland herrschet große Not, hat man kaum ein Stückchen Brot. Vollauf zu leben hat man da, im schönen Land Amerika." Und sind sie dann angekommen, hört man auf dem vortrefflich nachgestellten "Heimatfest" in New-Hamburg auf einmal Loblieder auf den Rhein und deutschen Wein. Fünf Millionen Deutsche sind allem im vorigen Jahrhundert nach Amerika aufgebrochen und jeder mußte sich erst einmal gegen diejenigen durchsetzen, die vor ihm da waren. Gerade die Deutschen waren es eine Zeitlang, die sich Spott gefallen lassen mußten.
Karsten Albers
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