 Grenzgänger in Archiven
Deutsche Volkslieder werden wenig gesungen. „Zu Recht", findet Michael Zachcial, Sänger und Gitarrist des Duos Grenzgänger, das am Samstag abend in der Turbinenhalle spielte. „Denn so langweilig, wie Volksmusik dargeboten wird, so wenig groovig und so unerotisch - wer.will das schon hören?" Welche Schätze es aber unter deutschen Volksliedern zu heben gibt, und mit wieviel Schwung und Biß sie aufbereitet werden können, zeigten Zachcial und der Mandolinenspieler Jörg Fröse. Die beiden haben Lieder in Archiven ausgegraben und modern, mitunter mitreißend arrangiert. Den Großteil des Konzertes bildeten Lieder deutscher Auswanderer nach Amerika im vergangenen Jahrhundert.
Darin finden sich ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben, auf Demokratie wie auch ihre Leiden auf dem Zwischendeck eines Ozeanseglers. Da wird schon mal gesoffen und gekotzt - „deutsche Volkslieder sind nicht so klinisch rein, wie uns das Fernsehen glauben läßt", weiß Zachcial. Der verkrampfte Umgang der Deutschen mit ihrem Land treibt die „Grenzgänger" an: Fremdenfeindlichkeit entspringe oft auch einem Minderwertigkeitsgefühl der eigenen Kultur, meint Zachcial. Deshalb will er deutsche Volkslieder endlich vom Kopf auf die Füsse stellen, so daß sie auch gesungen werden können.
(Delmenhorster Kreisblatt, 29.9.97)
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