 März-Rap und Ruhrpott-Weisen
"Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum / Der Wilhelm hat in´ Sack gehaun!" So klingt es spöttisch mit Kindermund in einer Radiocollage. Kaiser Wilhelm war geflohen. Am 9. November 1918 ruft Philipp Scheidemann die Republik aus. Vier Monate später erzählt Gustav Noske in der Nationalversammlung, wie er die Revolution niedermetzeln ließ. Doch wer war eigentlich dieser Wolfgang Kapp, der am 13. März 1920 mit der Reichskriegsflagge in Berlin einmarschierte, um eine Kanzlerdiktatur zu errichten?
Eine Sammlung von Liedern, flott arrangiert und eingespielt von den Bremer Folk-Avantgardisten "Grenzgänger" mit dem Duisburger Ruhrpott-Urgestein und Volkssänger Frank Baier, erteilt jetzt eine klingende Lehrstunde in Geschichte: "Lieder der Märzrevolution 1920" - das ist eine emotionale Mischung aus Chanson, Volkslied, Samba, Jazz und Rap. Zu hören sind zumeist unbekannte Arbeiterlieder, anarchistische Balladen und Stücke von Rio Reiser, die von exzellenten Musikern gespielt werden. Die Texte stammen u. a. von Erich Mühsam, Anna Gmeyner, Oskar Kanehl und Ferdinand Freiligrath.
Erinnert wird an die streikenden Arbeiter, die sich mit dem Mut der Verzweiflung den Freikorps entgegen werfen ("Im Ruhrgebiet"), die Sehnsucht der Waffenträger nach Frieden ("Soldatenlied") oder den Alltag der Kohlekumpel ("Lied der Bergarbeiter", Musik Hanns Eisler). Da gibt es Seitenhiebe gegen die "Bonzen" unter den Arbeiterführern ("Völker hört die Zentrale"), eine poetische Weise über den Alltag im Ruhrpott der 70er Jahre ("Frühling im Revier") und vor allem Vertonungen von Texten des Bergmanns und Arbeiterdichters Johannes Leschinsky, der zur Zeit des Kapp-Putsches 17 Jahre alt war. Drei Generationen von Volkssängern sind auf der CD vereint.
"Die Grenzgänger" bieten eine originelle Mischung aus Marschlied, Folk, Blues und Rap; der Gesang hat nichts vordergründig Agitatorisches. Frank Baier feierte kürzlich beim Folkfestival in Rudolstadt mit den Rappern "Sons of Gastarbeita" ein Comeback. Die sorgfältig arrangierte CD "1920" ist eine Ausgrabung und ein Requiem auf die Opfer des Aufstands, das unseren Respekt verdient.
Thüringische Landeszeitung, 24.03.2006 Von Frank Quilitzsch
|