HAGEN. "Bettlerbankett" heißt das neue Programm der "Grenzgänger" aus Bremen - die Premiere fand in der Hagener Burg statt. Vom Leben auf der Straße, von Verfolgten, Vogelfreien und Vagabunden, von Armut, Widerstand und Hoffnung war in rezitierten Gedichten und Gesang die Rede. Vier ausgezeichnete Musiker an Akkordeon, Gitarre, Cello, Geige oder Mandoline rissen das Publikum mit. Erst nach drei Zugaben entließ es die Gruppe von der Bühne.
Ihren Stoff, meist längst vergessene alte Volkslieder, holten die Künstler aus Archiven und alten Büchern. Die Texte haben an ihrer Aktualität nicht verloren, wie beispielsweise ein Handwerkerlied von 1840 zeigte: Auf der Suche nach Arbeit und Einkommen zogen die Handwerker und Arbeiter durch den Deutschen Bund. "Das waren die ersten Anzeichen der Globalisierung: mobil sein, fit sein für jeden Arbeitsplatz", stellte Ansager, Sänger, Gitarrist und Rezitator Michael Zachcial den aktuellen Bezug dar.
Das Lied von den Bremer Stadtmusikanten kam frech: Statt der Räuber sahen die vier Ausgedienten und Abgeschobenen die Senatoren beim opulenten Mahl, beim Schaffermahl. Sozialkritische Gedichte von Frank Wedekind, Erich Kästner oder Bertoldt Brecht, immer wieder eingestreut und ausdrucksstark von Zachcial vorgetragen, gaben dem Konzert eine Prise Kabarett.
Musikalisch zeigten sich die "Grenzgänger" ganz von heute. Die Melodien wurden von den Interpreten verändert und kamen als "Weltmusik" aus einer Mischung aus Blues, Reggae, Swing, lateinamerikanischen Rhythmen oder Folkmusik daher. Ohne Mikrofon, Verstärker oder Mischpult verstanden es die vier Musiker, ihre Instrumente als fein aufeinander abgestimmte Klangkörper einzusetzen.
Grandios spielte der "Nachwuchs" der Gruppe mit Annette Rettich am Cello, die ihren ersten Auftritt absolvierte. In der zweistündigen Spieldauer zupfte, klopfte oder strich sie in scheinbarer Mühelosigkeit ihrem Instrument facettenreiche Töne heraus. Jörg Fröse an Mandoline, Geige und einem nachgebauten mittelalterlichen Saiteninstrument, der achtsaitigen "Hummel", setzte Akzente. Florian Oberlechner glänzte virtuos am Akkordeon.
Bekannte Lieder animierten immer wieder die Zuhörer zum begeisterten Einstimmen in den Refrain. Ein mitreißendes Konzert der feinen Zwischentöne, das unweigerlich nach der dritten erklatschten und ertrampelten Zugabe mit dem Eingangslied endete - auf der Flucht aus der Fremde, mit nichts als dem Rock, den Stock und den Schuhen.
"Die Grenzgänger", die bereits mehrfach mit Preisen der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurden, dürften auch mit dem "Bettlerbankett" in der Spitze der Liedermacher und Folkinterpreten mitmischen. (Weser-Kurier, 28. Januar 2009)
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