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Die Kunst der Grenzgänger sprengte bei weitem den Rahmen dessen, was man sonst so von Kulturfördervereinen geboten bekommt. Kleinkunst war das nicht mehr, das war schon größte Kunst.

Schleswig-Holsteinische Landeszeitung
Pressestimmen

Zwei atemberaubende Stunden

Samstag, 03. Mai 2008, in: Pressestimmen

Pressestimmen

KLEINE KUNST IN HEILIGER HALLE: Das Bremer Duo „Grenzgänger" vor wenigen Folkfans in der Fruchthalle 

Normalerweise will bei einer Veranstaltung in der großen Fruchthalle mit nur 20 Konzertbesuchern keine rechte Stimmung und Atmosphäre aufkommen. Doch die „Grenzgänger" aus Bremen konnten in zwei atemberaubenden Stunden das Flair einer lebendigen Kleinkunstbühne zaubern, indem man sich einfach spontan vom Podium mitten unter die Leute mischte und sie nach Aufruf um sich scharte. Leut- und redselig gab sich das Sprachrohr dieser Formation. Michael Zachcial, bescheiden daneben und eher verlegen Jörg Fröse, ein Ostfriese und Multiinstrumentalist von hohen Graden.

Michael Zachcial nennt die Fruchthalle bei seiner launigen Begrüßung eine „heilige Halle", hat aber keine Schwellenangst. Im Gegenteil, er trägt salopp jene Art „Batschkapp", wie sie für Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker zum Synonym für kleinbürgerliches Denken im saarländischen Lokalkolorit geworden ist.

Eine originelle und mitreißende Tonsprache

Doch Zachcials Beiträge der Gesellschaftssatire gehen weiter und tiefer, avancieren zu einer klingenden Geschichtsstunde sozial-und gesellschaftskritischer Aufarbeitung. Satirische und parodistische Texte des im 19. Jahrhundert publizierenden Dichters und Literaturhistorikers Hoffmann von Fallersleben werden von dieser Formation vertont, und zwar so, daß unter Verwendung von Melodien aus Volks- und Kinderliedern sowie klassischen Themen (von Haydn oder Mozart) und gemischt mit Stilelementen von Blues, Soul, Swing und Folk (sogar Rap) eine wirklich originelle, improvisierte und mitreißende Tonsprache entsteht.

Die überaus große Vielseitigkeit von Michael Zachcial (Gesang, Rezitation, Mundharmonika) und Jörg Fröse (Mandoline, Banjo, Ukulele, Geige) und deren stilistische Offenheit erklären diese lebendige Vortragsweise, deren Spannungsbogen nie verflacht.  Diese „Grenzgänger" intendieren aber keine museale Darstellung historischer, gesellschaftlicher und sozialpolitischer Probleme. Die überarbeitete Textzusammenstellung sucht den aktuellen Bezug zur politischen Gegenwart. Diese kommt vor allem im zweiten Teil zwingend zum Ausdruck.

Virtuoses Können

So bildet der „Freiheitsgedanke" in dieser Auswahl ein zentrales Thema, ebenso wird der „Philister" zur Zielscheibe der humoristischen Karikatur. Vorbilder oder besser Leitbilder wie Chansonniers und Liedermacher (beispielsweise der manchmal zitierte Rio Reiser oder sogar der Country-Sänger Johnny Cash) gibt es zweifellos, doch nur ganz wenige versuchen ein solch historisches, gesellschaftliches Bewußtsein zu vermitteln wie die „Grenzgänger". Während sich die instrumentale Begleitung bei anderen dann oft in schematischen Akkordbegleitungen erschöpft, ist hier die Instrumentalmusik wie ein Schmelztiegel verschiedener Stile, die man täuschend echt imitiert und das jeweilige Idiom treffend herausstellt. Und die Handhabung des großen Instrumentariums zeigt virtuoses Können in der Ausschöpfung der verschiedensten Stile und Spielarten.

Die erfolgreiche Formation erhielt im Jahre 2003 nach Gastspielen im ganzen Bundesgebiet und Einladungen nach Irland und Schweden den Deutschen Folk-Förderpreis und wurde wiederholt mit dem Deutschen Schallplattenpreis ausgezeichnet. Der schwache Besuch in Lautern wirft grundsätzliche Fragen nach Ort, Raum (Rahmen) und Zeit auf.

Reiner Henn in "Die Rheinpfalz", 3. Mai 2008


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