 FALLERSLEBEN. Anläßlich der Veranstaltungen „30 Jahre Musikschule Fallersleben" und in Zusammenarbeit mit dem Hoffmann-von-Fallersleben-Museum gastierte am Samstagabend in der Aula des Fallersleber Schulzentrums das bekannte Bremer Folk-Kabarett die „Grenzgänger" mit seinen „frechen, garstigen Gesängen".
Michael Zachcial - ohne Gitarre nur ein halber Mensch, wie er meint - erzählt, agiert und singt. Dabei unterstreicht er mit bewegtem Augenaufschlag seine Darbietungen. Er bekennt sich zugehörig zu den fahrenden Sängern, die ihre Meinung frei heraussingen. „Knüppel aus dem Sack" oder die Gesänge des Heinrich Hoffmann von Fallersleben, diese Texte sollen den Bürger aufrütteln, sollen ihnen die Augen öffnen für soziale und politische Mißstände. Und die Texte sind brisant aktuell, damals in der vorrevolutionären Zeit Hoffmann von Fallerslebens um 1837 wie auch in der heutigen Zeit, aber was gesagt wird, ist unbequem, garstig. Zachcial findet für die Texte zündende Melodien.
Improvisatorisches Musizieren
Jörg Fröse aus Emden interpretiert auf seine Art die Texte der Lieder: Mit feinem Sinn kommentiert er auf verschiedenen Instrumenten den Stimmungsgehalt. Da klingen irische tolle Weisen auf der Geige, einsam klagende Melodien auf der Concertina. Wichtig ist das musikantisch improvisatorische Musizieren, dem sich auch Friedemann Barteis mit Schlagzeug und Gesang engagiert einfügt. Stets faszinierten die instrumentalen Kombinationen, die gute und eingespielte Teamarbeit verrieten. Ob im „Caribic Feeling Song" die Arbeit eines Regierungsrates an seinem Bericht ironisierend aufgezählt oder die Nebensächlichkeiten des Wiener Kongresses im Stile von Boulevardblättern in allen Einzelteilen beschrieben die politische Hauptsache aber verschwiegen wird, das erklang im leichten Touch orientalischer Floskeln, konnte Barteis vehement anheizen. Das Publikum reagierte, war mitgerissen. Auch wenn Hoffmann von Fallersleben nicht nur im Umkreis seine Heimat verblieb, sondern auf die Zeit der deutschen Auswanderer nach Amerika sah. Überzeugend karikiert! das Trio „Halleluja, wir wandern nach Amerika". Im flotten Swing erklang das Auswandererlied eines Handwerksburschen, wobei das deutsche Volkslied „Es, es, es, es ist ein harter Schluß" geschickt eingebunden war.
Ausbruch aus den Harmonien
Manchmal wurde der Ton aggressiver, härter, zum Beispiel in dem Text „Lasst uns unseren Geist versenken". Es erfolgte der Ausbruch aus den angenehmen Harmonien zugunsten zupackender moderner Klänge: Der Text sollte aufrütteln, und das Publikum spürte den „Knüppel aus dem Sack". Barteis steigerte die Stimmung und heizte mit lockeren Schlagakzenten an. „Ein. politisch Lied, ein garstig Lied" - aber „hör gut zu", so die Aufforderung von Zachcial, der mit Liedern wie „Schick den Frühling in den Kerker" wiederholt den ungewöhnlichen Umgang mit der deutschen Geschichte und die Suche nach demokratischen Traditionen in Deutschland klarstellen wollte. Da täuschten auch nicht die heiteren Schunkelrhythmen und die weihnachtlich liebliche Musik vom „Philister", dem Mann, auf den man getrost vertrauen könne.
Getrost vertrauen konnte man jederzeit aber auf ein würzig und vielseitig zusammengestelltes Menü von Liedern, die in abwechslungsreicher Folge von dem Folk-Kabarett „Grenzgänger" serviert wurden. Begeistert anhaltender Beifall.
Wolfsburger Allgemeine, 29.9.2000 , Aka
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