 „Knüppel aus dem Sack" - Grenzgänger präsentierten garstige Lieder von Hoffmann von Fallersleben
Allmersbach im Tal - In der Kunst wie auch sonst im Leben gibt es ja immer mehrere Möglichkeiten: Entweder die Kritik , jubelt und der durchschnittlich halbgebildete Kunstverbraucher langweilt sich fürchterlich. Oder es ist umgekehrt. Eine dritte Variante, daß nämlich beide Seiten gleichermaßen angeödet sind, spielt, rein statistisch gesehen, keine große Rolle: Das Buch, der Film, die Band wird diskret, unauffällig und erfolglos von der Bildfläche verschwinden. Gelegentlich aber - und das ist ein Glücksfall - kommt es vor, daß Musiker (Schriftsteller, Regisseure) sowohl dem professionellen Besserwisser als auch dem ausgelutschten Büro- oder Haushaltsmenschen etwas zu sagen haben.
Ein Glücksfall, wie gesagt. Nicht allzu häufig, kommt aber durchaus vor. Als die Drei-Mann-Band „Grenzgänger" auf Einladung des Kulturkreises des Bildungszentrums im Allmersbacher Rathaus gastierte, da hatten die Vorschußlorbeeren offenbar abschreckend gewirkt: Preis der Deutschen Schallplattenkritik 95, Deutscher Folk-Förderpreis 95, Platz l der Liederbestenliste des Südwestfunks 96 - kann das noch gute Unterhaltung sein? Und dann auch noch das Thema des Abends: Garstige Lieder von Hoffmann von Fallersleben - um Himmels willen, Fallersleben, war das nicht der mit der Nationalhymne? Deutschland, Deutschland über alles? Wer will denn das hören?
Kein Wunder, daß da nicht allzu viele bereit waren, einen kostbaren Abend zu investieren. Aber dann - Überraschung! - wurde es für alle ein prima Abend. Lehrreich, musikalisch pfiffig und äußerst unterhaltsam. Schublade gefällig? Also sagen wir mal: angejazzter, swingender deutscher Volksrock mit Reggae-Einsprengseln. Erinnert sich noch jemand an Zupfgeigenhansel? Oder Liederjan? So ähnlich. Naja, oder auch nicht - Schubladen . bringen´s nicht, sie stimmen nie. Hauptsache, die Musik „stimmt", und das tut sie bei den Grenzgängern. Zu hören war ganz konkret folgendes:
Ausschließlich Originaltexte von Hoffmann von Fallersleben (der „Adelstitel" übrigens ist gar nicht echt, sondern ein spöttisch gewähltes Pseudonym - der Mann hieß August Heinrich Hoffmann), Originaltexte also von Revolutionsliedern, die durch die Bank zirka 150 Jahre alt sind, und erschütternd aktuell (Kriecherei und Obrigkeitsdenken sind ja nun noch nicht völlig ausgestorben...
Rotzig, temperamentvoll und gelegentlich mit beinah missionarischem Eifer gesungen, geschrien und gesprochen von Michael Zachcial, der sich selbst nach gutem altem Brauch auf der Gitarre begleitet. (Das Gitarrespielen hat er übrigens in einer Punk-Band gelernt.) Dazu spielt Jörg Fröse einfallsreich und locker alles, was Saiten hat (Mandoline, Geige, Banjo) und eine kleine, virtuose Miniquetsche (Concertina), die er handhabt, als sei das das Einfachste auf der Welt - so viel gelassene Beiläufigkeit und selbstverständliche- Perfektion kriegen nur echte Könner auf die Reihe. Neu in dieser Formation ist der Dritte im Bunde, Friedemann Barteis, der Schlagzeuger. Der ist gelernter Jazzer und holt aus seinem Instrument viel mehr heraus, als einfach nur tumbe Rhythmen: ironisierte Landsknechtsschmissigkeit zum Beispiel (jawohl, man kann wunderbar ironisch trommeln, wenn man´s denn kann), Aggression, ohne Krach zu schlagen, und intelligenten Biss, wo der Liedtext es erfordert. Und wenn Frontmann Zachcial im Eifer des Gefechts die Saite reißt, kann er sogar unbeschwert heitere Kinderlieder (selbstverständlich auch von Fallersleben) solo trommeln.
Originelle und gut gemachte Musik
Man konnte, ganz nach Wahl, an diesem Abend einfach nur entspannen und dabei originelle, gut gemachte Musik genießen. Wer wollte, konnte aber auch verschüttete Kenntnisse deutscher Geschichte wieder ausgraben oder einen Literaten kennen lernen, von dem zwar jeder den Namen kennt, aber sonst, seien wir ehrlich, fast nichts. Die Grenzgänger sind allemal einen kostbaren Abend wert.
Von unserer Mitarbeiterin RENATE SCHWEIZER, BACKNANGER KREISZEITUNG VOM 4. Februar 2000, Nr. 28 KULTUR AUS STADT UND KREIS
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