 Anlässlich des gestrigen Holocaust-Gedenktags gastierten „Die Grenzgänger" in der Barrier Wassermühle
BARRIEN • Nicht ganz sorgenfrei war Mühlenwirtin Christiane Palm vor dem Konzert am Freitag. „Bei politischen Veranstaltungen", gab sie zu, „zittern wir immer ein wenig, ob wir genügend Leute anlocken können." Die Sorge erwies sich als unnötig. Die Tische rund um Bühne und Mühlrad waren gut besetzt, als „Die Grenzgänger" auftraten. Tatsächlich stand alles andere als leichte Kost auf dem Programm. Das Programm „Edelweiß, und weiße Rose" spielte das Duo aus Bremen und Emden aus Anlass des gestrigen Holocaust-Gedenktags: ein Thema so groß, daß es eigentlich nirgends richtig aufgehoben ist, das alles in Frage stellt, dem nichts gemäß werden kann.
Umso spannender geriet die Aufbereitung von Michael Zachcial (Gesang, Gitarre, Rezitation) und Jörg Fröse [Gitarren, Concertina, Violine). Bei ihren ersten Liedern wirkte zunächst alles irgendwie sehr retro - „Die Grenzgänger" pflegen ein Genre, das so mancher eigentlich für längst sanft entschlafen halten mag. Das Arbeiterlied, das bekenntnishafte Gewerkschafts-Bardentum, war eigentlich die soziale Kunstform des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit Hannes Wader und Kollegen lebt es im kleineren Rahmen bis heute weiter. Seine Breitenwirkung hat es aber längst verloren. Was man, wenn man „den „Grenzgängern" zuhört, bedauern darf. Denn ihre weit in den Niederungen unserer Gesellschaft verwurzelte Liedkunst macht die großen Züge der Geschichte aus der Sicht vieler einzelner Erzähler verständlicher. Historiker haben keine Lieder geschrieben - es waren stets Betroffene und Kämpfer in eigener Sache.
Wer wußte zum Beispiel, daß Hoffmann von Fallersleben nicht nur „Deutschland, Deutschland über alles" dichtete? Sondern auch pazifistische Lieder wie „Hirsch und Hase will ich jagen, keiner soll mein Feind sonst .sein?" Wer kennt heute noch die Hintergründe des 1920er-Putsches („Willst du gar nicht wissen, wie Menschenwölfe Menschenschafe rissen")?
Mit zahllosen Liedern und Gedichten beleuchteten. Zachcial und Fröse das politische Schicksal und Werden dieses Landes. Dem Nationalsozialismus war, dem Anlaß entsprechend, ein besonderer Schwerpunkt gewidmet. Lieder aus Konzentrationslagern („Im Walde von Sachsenhausen", „Dicht bei Hamburg liegt ein Lager" oder natürlich „Die Moorsoldaten") brachten wiederum die andere, persönliche Sicht auf die Geschichte, die man in den Büchern nur selten findet. Musikalisch bewegte sich das charismatische Duo. dabei auf breitem Raum. Vom einfach geklampften Arbeiterlied bis zur sanft gesäuselten Ballade, vom kräftig-sozialistischen Erweckungslied bis zum „Deutschen Tango Links, zwo, drei vier" war alles dabei.
Das Publikum dankte den Musikern mit großem Beifall. Daß es den Zuhörern gefallen hatte, war schon vorher zu merken. Einige der bekannteren Liedern, etwa „Dem Morgenrot entgegen", hatten manche schon mit strahlenden Gesichtern mitgesummt.
Boris Hellmers in der Syker Kreiszeitung, 28.1.2008
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