 Warum habe ich das komische Gefühl, mit diesem Satz falsch verstanden zu werden? Zur Entwarnung gleich vorweg: keine Angst, die alte, alle Jubeljahre mal wieder hochkochende Diskussion über all das Übel, das von deutschem Boden ausgegangen ist, wird hier nicht wieder auf aufgewärmt. Und wenn es Menschen gibt, denen wir dazu nichts mehr erzählen müssen, dann sind es die, die diese CD gekauft haben. (Die, die es nicht tun, hätten einen längeren Exkurs zu diesem Thema allerdings verdient…..)
Aber die Erklärung für die eingangs gemachte Aussage ist, zumindest aus meiner Sicht, völlig logisch. Stolz bin ich auf Leistungen, eigene und die anderer Menschen. Meine Geburt in der Gegend, die heute als Bundesrepublik Deutschland bezeichnet wird, und die daraus resultierende Staatsangehörigkeit, betrachte ich eher als biologisches Zufallsereignis. Wenn meine Großeltern beiderseits nicht beschlossen hätten, vor der anmarschierenden Roten Armee zu fliehen, wäre ich heute polnischer Staatsbürger – so sie den Einmarsch überlebt hätten natürlich nur… (Und aller Wahrscheinlichkeit nach wäre mir zumindest eine der beiden an diesem biologischen Vorgang beteiligten Parteien heute völlig unbekannt!) Und wenn es irgendwelche jüdischen Vorfahren gegeben hätte, wäre ich heute wohl überhaupt hier…
Daß ich aber doch hier bin, ist demnach nicht auf eigenes, persönliches Verdienst, sondern eher auf eine Kette von biologischen Zufällen in Verbindung mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen zurückzuführen, von denen ich die wenigsten beeinflussen konnte. Nix zum Drauf-stolz-sein also.
Aber es gibt Deutsche, auf die ich stolz bin. Viele sogar. Diese „Sieg Heil!“ und „Deutschland den Deutschen!“ brüllenden, glatzköpfigen Bettnässer gehören allerdings nicht dazu. Nicht, daß ich sie nicht verstünde – wenn man selbst nichts gebacken kriegt, muß man sich halt was suchen, daß sich nicht wehren kann… Um im vom Thema dieser CD abgesteckten Zeitrahmen zu bleiben, nur zwei Beispiele hier: Leopold Weiss, ehemaliger deutscher Offizier, Kriegsheld des 1. Weltkrieges, trotzdem ein Liberaler (muß das ein Widerspruch sein?). Wurde in der Zeit der Weimarer Republik Polizeichef von Berlin und war dem Berliner Gauleiter der NSDAP, Goebbels, ein echter Dorn im Auge. Der verpasste ihm in seinem Schmierblatt den Spitznamen „Isidor“, der Jude schlechthin also. Er bekämpfte die Nazis ziemlich erfolgreich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und wurde erst zum Rücktritt gezwungen, nachdem er ein NSDAP-Mitglied im Reichstag wegen Mordes verhaften wollte. Verletzung der Immunität eines Reichstagsabgeordneten lautete der Vorwurf – Mord im Reichstag war anscheinend in Ordnung. Nach der Machtübernahme der Nazis gelang es ihm gerade noch so, Berlin, Deutschland und Goebbels’ Rachegelüsten zu entkommen und nach England zu gelangen.
Oder Theodor Wolff, auch jüdischer Abstammung, Chefredakteur des liberalen „Berliner Tageblattes“, trotz seiner kritischen Haltung gegenüber Kaiser und Vaterland ein überall geachteter und gefeierter Journalist. Befürworter der Republik, und zeitlebends jemand, der die Aussöhnung mit dem Erzfeind Frankreich befürwortete und alles unterstützte, was diesem Ziel diente. Als 1933 der Reichstag brannte, floh er denn auch dorthin, erlebte die deutsche Besetzung, und wurde 1943 von der Gestapo aufgespürt. Vier Monate lang wurde der inzwischen 75-Jährige durch zahlreiche Gefängnisse und Konzentrationslager geschleppt, bis er in Berlin an den Folgen der Quälerei starb. Seine mutigen Leitartikel hatten ihm im ganzen Reich einen Namen gemacht. Seit vierzig Jahren wird der Theodor-Wolff-Preis für hervorragende und außergewöhnliche journalistische Leistungen verliehen…
Und dann wäre da noch Walter Neff, der Krankenpfleger im KZ Dachau, dem die „Patienten“ der TBC-Station ihren „Walter-Neff-Marsch“ gewidmet haben. Geben wir es zu, wir haben die Geschichte zuerst nicht geglaubt. Wer in der Lage ist, Mitmenschen vorsätzlich mit Tuberkulose zu infizieren, dürfte keine ethischen oder moralischen Hemmungen haben, anwesenden Künstlern die Kompostion eines Lobliedes auf das idyllische Lagerleben zu befehlen. Daß sich die Wärter über das Lied später herzlichst amüsiert haben, davon können wir wohl ausgehen. (Deutscher Humor – oder was gemeinhin dafür gehalten wird – ist auch nichts, worauf ich mir was einbilden würde…) Dem Liedtext ist in keinster Weise zu entnehmen, ob das Ding ernst gemeint ist oder nicht; das hervorragend gestaltete Titelblatt (hoffentlich drucken sie’s im Booklet mit ab) zeigt einen Häftlingschor mit heulendem Wachhund davor (was zusätzliche Zweifel sowohl die gesanglichen Fähigkeiten des Chores als auch den Ernst des Werkes betreffend weckt). Kurz, wir hielten es zuerst für eine gelungene Persiflage, mit der sich die „Patienten“ für die „Gastfreundschaft“ und die erstklassige „medizinische Versorgung“ im Lager „bedanken“ wollten.
Und dann hängte sich Arne ins Internet und begann zu recherchieren… Und kam mit einer unglaublichen Geschichte wieder, die wirklich filmreif ist (definitiv um Klassen besser als blöde TV-Schmonzetten à la „Sturmflut“ mit Kulissen im Dorfteich …). Hier nur so viel dazu: Walter Neff war wirklich einer der Guten! Und er hat alles überlebt! Und ein Enkel des Komponisten ist Liedermacher in der heutigen Tschechei!
Okay, wenigstens eine Geschichte mit Happy End. Wir begannen, uns mit dem Thema und den Liedern ernsthaft anzufreunden. Musikalisch hatten wir ja eher dagegen angesehen: ein Soldatenlied, eine russische Volksweise, eine zuerst eher kopflastig-kompliziert aussehende Nummer (die sich nachher als Ohrwurm herausstellt, den alle Beteiligten tagelang mitrumschleppen), „Das Wandern ist des Müllers Lust“ und „Wo die Nordsee-/ Ostseewellen….“ (wie auch immer). Alles Liedmelodien, die man als Folk Revival-Mucker mit anglo-amerikanischer Musiksozialisation schon immer auf der Wunschliste hatte (Oh Mann!). Also erstmal Melodien lernen, Akkorde suchen/ finden, Texte lernen, generelles Herumdaddeln und Suche nach/ Warten auf der/ die Inspiration. Beim „Posten“ klickt es zuerst, der schwarze Lagerhumor kommt unserem Stil sehr entgegen. Bei den anderen Nummern dauert es etwas länger, aber der Anfang ist gemacht. „Im Walde von Sachsenhausen“ soll im „Lagerbetrieb“ damals durchgefallen sein, da die Häftlinge Lieder bevorzugten, die Mut machten, Kraft gaben, Optimismus verbreiteten. Durchaus verständlich; diese Betroffenheits-Lyrik mit entsprechendem musikalischem Vortrag, die man auch heute noch von – meist nicht so guten – Liedermachern auf der ganzen Welt hören kann, kam erst fünfzehn bis zwanzig Jahre später in Mode.
Auch Pete Seeger wurde erst nach dem Kriege in Deutschland bekannt. Aber bei ihm würde dieses Lied möglicherweise so klingen. Betrachten Sie unser Arrangement als eine Art Verbeugung in seine Richtung; ohne ihn gäb’s uns vielleicht nicht. Apropos Verbeugung. Das „Neuengammer Lagerlied“ im – mehr oder weniger zart angedeuteten – Swing-Gewand. Kann man das machen? Haben wir uns zuerst auch gefragt. Die Melodie ist von einem Soldatenlied aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von 1871/72 „geklaut“. Nun, vielleicht wäre Ihnen ja eine Fassung mit Militärkapelle lieber gewesen – uns bei diesem Thema allerdings irgendwie nicht (was hoffentlich nachvollziehbar ist….?). Zigeuner-Jazz also. Swing-Kids, Neger-Musik, Django Reinhardt im besetzten Paris, Coco Schumann im Vorzeige-KZ Theresienstadt, eine Million (genaue Zahl mir nicht bekannt!) Sinti und Roma ermordet in Vernichtungslagern. Für uns stellt sich die Frage heute völlig anders: Wie kann man das nicht machen? Und das „Mackie Messer“-Zitat dürfen Sie getrost als Verbeugung an jemanden auffassen, der garantiert in einem KZ geendet wäre, hätte er nicht rechtzeitig die Kurve gekratzt…. Als letztes werden die „Nord-/ Ostseewellen“ fertig – die hatten wir allerdings auch lange vor uns hergeschoben. Für diesen Text eine musikalische Form zu finden, die beim Zuhörer nicht die über Jahrzehnte hinweg von unzähligen Shanty-Chören entwickelten „Pawlow’schen Reflexe“ auslöst, war die selbstgestellte Aufgabe. Inwieweit uns das gelungen ist, muß der geneigte Zuhörer selbst beurteilen.
Um den Kreis an dieser Stelle zu schließen: es gibt ein paar Landsleute, auf deren Leistungen ich stolz bin. Die Menschen, die diese Lieder hier unter, für jeden der nicht dabei war, unvorstellbaren Bedingungen gedichtet, komponiert und aufgeführt haben, gehören definitiv dazu. Und wenn es eines Tages wieder einmal soweit sein sollte, daß Menschen abgeholt werden, und brillentragende, vollbärtige Volksmusiker dran sind, dann hoffe ich, daß die Zivilcourage und der Durchhaltewillen dieser Menschen, der ja auch aus ihren Liedern deutlich herauszuhören ist, mir als Beispiel dient und mir dieselbe Kraft gibt, das mit Würde durchzustehen. Und daß wir es mit unserer Art, die Lieder zu singen und zu spielen, geschafft haben, diesen Menschen gerecht zu werden….
Jörg Fröse, für Grenzgänger im Mai 2006
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