 Spielfreudige Folk-Formation "Grenzgänger" begeistert Publikum im Berner Schulzentrum mit "Bettlerbankett" "Kleinkunst ganz groß" schrieb einst ein Kritiker über einen Auftritt der Bremer Folk-Formation "Grenzgänger". Dem ist nichts hinzuzufügen, nachdem das Quartett im Berner Schulzentrum am Donnerstag das Publikum mit seinen "Volksliedern" in den Bann gezogen hat und dafür mit rhythmischen Beifallsbekundungen belohnt wurde.
Die "Grenzgänger", das sind zunächst Sänger Michael Zachcial sowie Jörg Fröse (Mandoline, Geige, Hummel), die sich mit 14, 15 Jahren von Folk-Formationen inspiriert für Volkslieder früherer Tage zu interessieren begannen. Sie begannen zu spielen und immer neue vergessene Volkslieder aus Archiven und alten Büchern auszugraben, teils neu zu vertonen und auf eine so unnachahmliche Art und Weise zu interpretieren, dass man ihnen ihr Alter nicht anmerkt.
Das gilt auch für ihr neues Programm "Bettlerbankett", einer anspruchsvollen Textauswahl aus der Zeit des Vormärz bis zu Brecht und Kästner, das die Grenzgänger ohne jegliche elektronische Verstärkung wie Popmusik herüberbringen. Schon die Eröffnung, eine 1920 von einem Unbekannten verfasste Parodie auf ein Volkslied ("In der Heimat ist es schön, wo die Fleißigen müßig gehn, die man zwingt herumzulungern, ohne Arbeit zu verhungern, wollen sie nicht stehlen gehen. In der Heimat ist es schön.") überzeugt durch ihren mitreißenden Sound. Ebenso ist es bei "Im düsteren Auge keine Träne" von Heinrich Heine oder der Resolution der Kommunarden ("In Erwägung unserer Schwäche machtet ihr Gesetze, die uns knechten soll´n) von Bert Brecht.
Das Stück "Trotz alledem" hat in der Grenzgänger-Interpretation gar einen dermaßen flotten Groove, dass der Hannes-Wader-Klassiker kaum wiederzuerkennen ist. Spätestens jetzt ist klar, warum sich während ihres Vormittagskonzerts selbst die Rock- und Hip-Hop-gewöhnten Schüler für die Volkslieder à la Grenzgänger begeistern konnten, seien die Texte und die Instrumentierung noch so fremd. Denn die Grenzgänger kommen nicht nur ohne Verstärker, sondern auch ohne Bass und Schlagzeug aus.Ihren Rhythmus, der mal an Blues und Soul, mal an amerikanischen Folk erinnert, besorgen sie mit ganz traditionellen Instrumenten. Dafür sind seit einiger Zeit Annette Rettich am Cello und Felix Kroll am Akkordeon zuständig, die gerade mal im Kindergartenalter waren, als die Grenzgänger ihre ersten Auftritte absolvierten. Mit ihrem frischen wie virtuosen Spiel tragen sie ihren Teil zum flotten, jungen Sound bei.
Im Mittelpunkt steht der Ex-Straßenmusiker und Liedermacher Michael Zachcial, der beim Rezitieren und Singen der Geschichten vom Leben auf der Straße, von Verfolgten, Vogelfreien und Vagabunden, von Armut, Widerstand und Hoffnung zur Höchstform aufläuft. Sein Ausgraben vergessener Volkslieder versteht er als "Wurzeltherapie". Das "Volk" soll sich jenseits aller "Deutschtümelei" wieder seiner Wurzeln erinnern. Das Publikum war begeistert.
Von Georg Jauken , Berne , Weser-Kurier , November 2009
|